Tipps zum Liederschreiben – Auf dem Weg zum guten Komponisten und Musiker

Weil sich der Geist frei entfalten können muss, ist es in aller Regel wenig nützlich, musiktheoretische Krücken (Quintenzirkel, das Fachbuch aus dem Musikgeschäft etc.) anzuwenden. Zu hoch ist die Gefahr, dass das Ergebnis gestelzt und konstruiert klingt.

Der beste Weg zu guten Rocksongs führt über das assoziative Gitarrenspiel (wahlweise auch ein anderes Instrument), bei dem Akkorde und Melodiefiguren gespielt werden, die einem gerade in den Sinn kommen. Früher oder später erscheinen brauchbare Songelemente, die dann – und jetzt kann die Musiktheorie kommen – zu einem komplett durchstrukturierten Song ergänzt werden. Wichtig dabei ist die Nichtanwesenheit anderer Personen, also eine weitestgehend ungestörte, meditative Atmosphäre, denn um etwas anderes als um eine Klangmeditation handelt es sich beim Komponieren im Grunde nicht. Schlechte Laune, eine deprimierte Stimmung, Trauer oder ähnliche Verstimmungen erweisen sich hier oft als hilfreiche Katalysatoren kreativer Prozesse. Also, wenn die Frau weg oder die Oma gestorben ist: nix wie ran an die Gitarre!

Hilfreich ist auch die Verwendung eines kleinen Rhyhtmusgerätes oder Taktgebers; ebenfalls nicht vergessen sollte man ein kleines Aufnahmegerät, mit dem sich Ideen aufzeichnen lassen. Es ist erstaunlich, wie schnell gute Einfälle wieder vergessen werden. Übrigens hat sich bei mir Zeitknappheit manchmal als Stimulanz für gute Einfälle erwiesen. Es kann also nie schaden, sich die Zeit bis zum notwendigen Aufbrechen aus Haus oder Wohnung mit assoziativem Gitarrenspiel zu vertreiben.

Wie gut ein Einfall wirklich ist, zeigt sich aber erst, nachdem einige Tage ins Land geflossen sind (Alanis Morissette etwa hat da eine andere Meinung, aber das merkt man einigen ihrer Songs auch an). Denn häufig ist mit dem Erfinden eines Liedes eine Euphorie verbunden, die eine objektive Beurteilung beeinträchtigt. Ist man ein paar Tage später immer noch von einer Idee begeistert, kann man davon ausgehen, dass sie so schlecht nicht sein wird.

Das lästige Texten

In aller Regel ist die Musik vor dem Text da, obwohl bereits beim Komponieren gesungene Textphrasen beim Aufbau der Melodie zur Verwendung kommen, die häufig in der ein oder anderen Form beibehalten werden. Manchmal sind die Textphrasen von einer solchen phonetischen Schönheit, dass man das ganze Lied musikalisch und lyrisch um sie herum konstruieren muss. Allerdings reichen solche Phrasen für einen kompletten Text nicht aus, so dass sich schnell die Frage stellt: Worüber soll ich überhaupt schreiben?

Ich empfinde das Texten noch heute als die weniger angenehme Seite am Liederschreiben und bin immer wieder froh, wenn ich es geschafft habe, mehrere Strophen und Refrains mit halbwegs sinnvollen Wörtern auszufüllen. Das muss nicht immer so sein, und die Kollegen von der Rap-Fraktion zeigen uns immer wieder, dass ellenlange Texte nicht nur ersinnbar, sonder auch live erinnerbar sind. Dies ist anscheinend aber nur unter massiver Reduzierung der musikalischen wie inhaltlichen Qualität möglich…

Was die Suche nach Themen anbelangt, so gibt es hier zwei Vorgehensweisen. Zum einen kann man sich ein Thema setzen und versuchen, es textlich gut zu erfassen. Zum anderen kann man auch hier assoziativ arbeiten. Dann verwendet man gut klingende Phrasen oder Begriffe, um die herum dann der übrige Text entsteht (s.o.). Die inhaltliche Richtung des Textes wird erst im Verlauf seines Entstehens deutlich, jedoch kreisen derartige Texte ohnehin oft um latent virulente Themen (bei mir wären das die Themenkomplexe Veränderung, Fernweh und Reisen als spirituelle Reinigung sowie Alkoholtrinken und sozialer Niedergang).

Was soll der Text überhaupt machen?

Generell sollte man sich darüber im Klaren sein, welche Aufgabe der Text übernehmen soll. So können die Songlyriken wichtige Botschaften transportieren sowie Meinungen und Befindlichkeiten des Schreibers ausdrücken. Texte dieser Kategorie müssen dann wohlüberlegt sein, damit das Ergebnis auch vom Hörer verstanden werden kann und Peinlichkeiten (falsche Termini, unerhebliche Botschaft, etc.) ausgeschlossen sind. Die dazugehörige Musik sollte ein gutes Verstehen der Inhalte unterstützen. Dem gegenüber kann ein Text aber auch nur Mittel zum Versorgen der Gesangstimme mit Singbarem sein, also für semantisch sinnvolle Lautmalerei. Beide Methoden der Textverwendung können in der Praxis aber nicht eindeutig von einander getrennt werden, da sie oft eng miteinander verwoben sind. Liedertexte gehören stets der Kategorie Lyrik an, sind also künstlerische Auseinandersetzungen mit einem bestimmten (oder unbestimmten) Thema. Damit unterliegen sie generell anderen Gesetzen, als etwa Prosa- oder Informationstexte. Die Lyrik wirkt nicht nur durch ihren semantischen Gehalt, sondern ebenso durch die Ästhetik ihrer Wortwahl und die Metrik ihrer Laute. Zur Verwendung dürfen hier auch metaphorische Phrasen kommen, wobei darauf zu achten ist, dass diese nicht zu platt und abgewetzt sind.

Lyriken und Lautmalerei

Entscheidend ist natürlich auch die Frage nach der Textsprache. Die wichtigsten Kriterien für ihre Auswahl sind die phonetische Qualität und die Verständlichkeit. Die englische Sprache ist in phonetischer Hinsicht dem Deutschen weit überlegen (wie übrigens viele andere Sprachen auch), was bedeutet, dass sie leicht über die Zunge geht und auch einen angenehmen Höreindruck hinterlässt. Die deutsche Sprache wird gemeinhin als hart und kantig empfunden, Englisch, Italienisch, Spanisch oder Französisch hingegen vermitteln einen harmonisch-runden Höreidruck, der für Texte in Liedern vorteilhaft ist (bis auf die französische Sprache, die im Rockbereich eher befremdlich wirkt). Auf der anderen Seite werden die englischsprachig gesungenen Lyriken hierzulande nur wenig oder garnicht verstanden. Wer sich also viel Mühe beim Texten gibt, muss damit rechnen, dass seine harte Arbeit eventuell von niemandem wahrgenommen wird. Allerdings fallen lyrische Unzulänglichkeiten bei englischen Texten kaum auf, genauso kann der Sänger, sollte ihm auf der Bühne mal der Text entfallen, irgendetwas anderes singen, und es dürfte außer ihm und seinen Bandkollegen (meistens aber nicht einmal denen) niemandem auffallen. Auch kann man als Texter mal so richtig die Sau rauslassen, ohne dass es jeder allzu schnell mitkriegt – nur, was nützt der verbale Rundumschlag, wenn ihn keiner mitkriegt?

Fremsprachige Lyriken verhindern zudem, dass ein Text nicht in allen Einzelheiten entschlüsselt werden kann. Dadurch behält der Song auch immer etwas Geheimnisvolles bei. Es gibt kaum deutschsprachige Liedertexter, die so großartig mit der deutschen Sprache umgehen können, dass ihre Texte hörenswert sind. Ist das ausnahmsweise mal der Fall, ist dann aber meistens die dazugehörige Musik derart beschissen, dass die beste Lyrik nichts mehr nutzt.

Eine ebenso wichtige Frage bezieht sich darauf, ob sich die Lyriken reimen sollen oder nicht. Das ist sicherlich eine Frage des Geschmacks und des Anspruchs; ich persönlich halte Reime wie auch eine passable Metrik für sehr wichtig. Erstens wird der Text durch Reime angenehmer für das Ohr, und zweitens zeigen Reime, dass sich der Texter doch ein wenig mehr Mühe gegeben hat, als bei einer bloßen Aneinanderreihung von Wörtern. Lyrik ist eine gestaltende Kunstform und verträgt sich als solche ausgesprochen gut mit solidem Handwerk.

Unbedingt vermeiden: Die typisch deutsche Intonation (TDI)

Zunächst einmal, was ist die typisch deutsche Intonation? Die TDI ist ein neuer Begriff für eine spezielle Art der Kompositorik und des Arrangements, die Lieder in einem negativen Sinne typisch deutsch klingen lässt. Musikpsychologen mögen sich damit beschäftigen, welche Akkorde, Melodielinien, Instrumentalklänge usw. für diesen Höreindruck verantwortlich sind, der die Musiker sofort als Anhänger deutscher Provinzialität erkennen lässt. Im Grunde ist hierfür eine allzu simple Verwendung oder Kombination bestimmter Akkorde verantwortlich. Viele der deutschen Provinzmusiker sind mit angelsächsischer Musikkultur aufgewachsen und versuchen verkrampft, ihre Musik der ihrer Heroen entsprechen zu lassen. Meistens aber gelingt ihnen das nicht, und sie bleiben mit ihren Werken irgendwo zwischen Schulband und Blues-AG stehen. Sie glauben aber, gute Musiker zu sein, die ihre laienhaften Absonderungen im Geiste der Rolling Stones, Beatles, Bryan Adams oder wem auch immer produzieren.

Man erkennt TDI bereits am Arrangement der Stücke. Wenn nämlich zu den plastikhaft verzerrten Gitarren das unvermeidliche Keyboard pseudospektakuläre Sounds hervorblubbert und zu allem ein weinerlicher Sänger ständig Sachen wie “ Kommt doch nach vorne“ oder „Seid ihr alle gut drauf“ blökt, kann man guten Gewissens den Saal verlassen.

Typisch deutsche Kompositionsprobleme

Für die Entstehung von TDI gibt es im wesentlichen zwei Gründe: Angelsächsische Musik umfasst ein viel breiteres Stil- und Ausdrucksspektrum als die durchschnittliche europäische Popularmusik, da sich beispielsweise in den USA ungleich mehr Subkulturen und Ethnien mit ihren völlig unterschiedlichen und teilweise hochspezifischen Problemlagen und Befindlichkeiten an der Entstehung musikalischer Ausdrucksweisen beteiligt haben. Diese kulturelle Vielfalt ist in Deutschland unbekannt. Weil hierzulande keine afrikanischen Sklaven auf den Baumwollfeldern schuften mussten, konnte bei uns – etwas platt ausgedrückt – auch nicht der Blues das Licht der grausamen Welt erblicken. Trotzdem aber ist dieser musikalische Code dank interkulturellem Austausch auch von hellhäutigen Westeuropäern zu entschlüsseln. Der zweite Grund für Bildung der TDI sind die relativ gleichförmigen sozialen Verhältnisse der deutschen Musiker. Während verschiedene angelsächsische oder angloamerikanische Musikstile aus den besonderen Lebensumständen ihrer Erschaffer resultieren, trifft man in Deutschland auf einen künstlerischen Nährboden, der von einer gewissen Uniformität der soziokulturellen und -materiellen Verhältnisse geprägt ist. Der durchschnittliche deutsche Musiker entstammt der bürgerlichen Mittelschicht, was u.a. durch die finanziellen und zeitlichen Kosten des Musizierens bedingt ist. Er hat keine unmittelbare Ahnung von harter Industriearbeit, von Versklavung, Unterdrückung oder exzessivem Drogenkonsum. Er kennt das alles nur aus dem Fernsehen, befand sich nie in existentieller Not, denn seine Eltern haben immer gut für ihn gesorgt. Aus den sicheren Wänden seines behüteten Jugendzimmers heraus hat er dann angefangen, ein paar Akkorde zu kombinieren, hat ein paar bedeutungsschwangere Zeilen darübergesungen und ist den Keller des naheliegenden Gemeindehauses gegangen, um mit seinen Freunden eine Band zu gründen. Ihre Musik hat keine Tiefe, denn ihre Substanz und ihre Inhalte sind gewöhnlich und an ihnen kleben in ebenso gewöhnlicher Manier die billigen Texte. Doch ihre Fans, deren kultureller Horizont kaum über die kleinbürgerlichen Vorstädte voller weißgetünchter Häuser hinausreicht , freuen sich über Musik, die sie verstehen können.

Leidvolles Erleben und die Essenz der Musik

Gewiss ist nur wenigen Künstlern das zweifelhafte Vergnügen der harten Industriearbeit o.ä. vergönnt, jedoch sollte ein guter Künstler über die unabdingbare Fähigkeit des Sich-Hineinversetzens verfügen. Ein Beispiel: Um bestimmte Aspekte sozialer Niederungen auszudrücken, muss Musik in einer besonderen Weise arrangiert sein (relativ abwechslungsarm, dumpf, rasselnd und rumpelnd, hypnotisch etc.). Um eine derartige Stimmung transportieren zu können, muss der Musiker wenigstens auf die Idee kommen können, seine herkömmlichen Denkmuster zu verlassen, um sich mit etwas ganz anderem zu beschäftigen. Die Musik muss also jene engen Lebenswelten verlassen können, die mit dem durchschnittlichen Leben in Deutschland oft verbunden sind und die nur allzugern beim Komponieren ans Tageslicht der TDI streben. Den meisten deutschen Musikern fehlt diese Begabung, ihr Horizont entspricht noch immer dem des im Jugendzimmer herumklampfenden Knaben. Verändert hat sich nur die technische Ausrüstung, so dass die musikalische Dünnbrettbohrerei zumindest besser klingt und lauter ist, als damals im JUZE. Doch verstehen wir uns nicht falsch: Die relativ einheitlichen Lebensverhältnisse westlicher Industriestaaten sind Erfolge sozialer Auseinandersetzungen, die geholfen haben, Ausbeutung und Armut zu überwinden. Gewonnen wurde so eine wichtige Portion Lebensqualität. Eine bestimmte Form der kulturellen Einheitlichkeit mag daraus erwachsen; allerdings ist diese „Gefahr“ ein vergleichsweise kleines Übel. Es kommt also darauf an, seinen künstlerischen Horizont im Bewusstsein dieser Sachverhalte zu erweitern. Doch machen wir uns auch nichts vor: Die Protagonisten der neoliberalen Umformung des Kapitalismus sind fleißig dabei, hart erkämpfte soziale Errungenschaften nieder zu knüppeln. Ein größeres Maß an Ungleichheit steht uns an, gepaart mit einem deutlichen Weniger an Lebensqualität – jedenfalls für die meisten für uns. Ausbeutung und Armut werden den Künstlern unter uns wieder Stoff für ihre Arbeit geben. Nur steht dann zu befürchten, dass diese neben den VIVA- und MTV-Einheitsformaten kein Forum mehr finden werden – wenn sie sich dann überhaupt noch ihre Instrumente leisten können.

Was sollte man also beachten?   Wichtig ist, die Gefahr der TDI stets im Hinterkopf zu behalten. Beim Komponieren und bei den Bandproben sollte man sich immer kritisch fragen, ob das Ergebnis der musikalischen Arbeit typisch deutsch intoniert ist. Wenn ja, ab in den Orkus damit, wenn nein, dann ist auf alle Fälle eine der großen Ursachen schlechter Musik beiseite geräumt.

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