Über den Rational-Choice Ansatz

Der RCA entstammt der erkenntnistheoretischen Tradition des methodologischen Individualismus, also der Rückführung sozialer Phänomene auf individuelles Handeln. Im methodologischen Individualismus wird nicht von überindividuell-kollektiven Phänomenen, sozio-kulturellen Strukturen etc. ausgegangen, sondern vom menschlichen Individuum und seinem Verhalten, durch das die übergeordneten Strukturebenen sozialer Gemeinwesen bestimmt werden.

(Die gegenteilige Position wäre der methodologische Kollektivismus, in dem das individuelle Handeln auf überindividuell-kollektive Phänomene / Strukturen / Ganzheiten etc. zurückgeführt wird.) Akteur im RCA ist der homo oeconomicus, der zunächst seinen individuellen Nutzen auf der Grundlage vollkommener Informationen und stabiler Präferenzen im Rahmen gegebener Restriktionen maximiert (Maximierungsregel), also eine Maximierung des eigenen Nutzens durch rationales Handeln herbeiführt.

Die Herkunft des RCA ist die ökonomische Handlungstheorie, hier speziell die Nutzentheorie als neoklassische Preistheorie. Beispiel für eine Handlungswahl im RCA (Esser 1990):

Bedingungen für eine rationale Handlungswahl:

– Vollständiger Besitz von und Zugang zu relevanten Informationen.
– Entsprechend hohe kognitive Ressourcen zur Verarbeitung der Informationen.
– Der Entscheider hat fixe Präferenzen.
– Die Erwartungen des Entscheiders sind stabil.

Ablauf einer Entscheidungssituation im RCA (Bsp. Esser):

– Kognition der Situation(Wahrnehmung der Situationsumstände, kognitive Prozesse der Erinnerung und Assoziationsbildung, Aktualisierung von „Alltagstheorien“).

– Evaluation der Konsequenzen bestimmter Handlungen (Evaluation der Handlungsalternativen geschieht vor dem Hintergrund der eigenen Präferenzen und der subjektiven Wahrscheinlichkeit, daß eine Handlung zu einem bestimmten Ergebnis führt. Für alle Alternativen gibt es diese Bewertung).

Die Evaluation kommt zum Ende, wenn:
– alle Handlungsalternativen den gleichen geringen Wert haben.
– Eine Alternative sich deutlich vor den anderen auszeichnet.
-Die Selektion einer bestimmten Handlung erfolgt nach einer bestimmten Regel.

Empirischer (integrativer) / normativer (neoklasisch-ökonomischer) RCA

Die eingangs genannten Bedingungen sind in der Empirie kaum anzutreffen, so daß der überstrenge Modellcharakter der ökonomischen Handlungstheorie dem menschlichen Verhalten nicht gerecht wird und seine Erklärungsreichweite reduziert. In ihrer empirischen Variante (in der Literatur stellenweise auch als integrativer Ansatz bezeichnet) versucht die Theoriebildung innerhalb des RCA den empirischen Tatsachen eher zu entsprechen, ohne dabei den ökonomistischen Kern des Modells aufzugeben. Es wird einbezogen, daß Menschen nur über limitierte kognitive Ressourcen verfügen und sich nicht beliebig für die Realisation ihrer Ziele einsetzen können. Vielmehr erweist sich der empirische RCA als flexibel genug, selbst der theoretischen Kernvorstellung widersprechende Daten zu integrieren. Das Menschenbild im empirischen RCA erscheint zuweilen als RREEMM (restricted, ressourceful, expecting, evaluating, maximizing man), der als empiriegetreuere Version des homo oeconomicus ins Spiel geführt wurde.

(Nicht integrierbare) Argumente gegen den RCA

Viele Kritiker am RCA scheitern zuweilen an einem grundlegenden Mißverständnis: Die Nutzenmaximierung betrifft nicht das anvisierte Handlungs- / Entscheidungsziel, sondern lediglich die Auswahl der dafür nötigen Handlungsoptionen. Der RCA prognostiziert also nicht immer die Handlungsziele, sondern nur die Handlungswahl.

Dennoch gibt es (kaum immunisierbare) Einwände gegen den RCA inklusive seines Menschenbildes:

1. Der RCA erfasst nur einen empirisch seltenen Sonderfall der Entscheidungshandlung. Eine Fokussierung auf den individuellen Entscheider ist bei sozialen Phänomenen fragwürdig (Problem des methodologischen Individualismus: bestimmt nicht doch das Kollektive den Einzelnen? ).

2. RCA ist zukunftsbezogen, d.h. Entscheidungen werden nur als im Hinblick auf Handlungsfolgen getroffen begriffen. Entscheidungen können gleichwohl auf Aspekte der Vergangenheit beruhen (Biographie, Übereinstimmung mit dem Selbstbild, Lebensgeschichte des Entscheiders etc.).

3. Reduzierung von Vernünftigkeit und Richtigkeit einer Entscheidung auf Zweckrationalität (Zweck-Mittel Entsprechung). Anstelle der systematischen Kalkulation kann eine kontingente Selektivität mit affektiver Gewichtung der einzelnen Alternativen gesetzt werden.

4. Fehlen des sozialen Kontextes. Vernachlässigung von Entscheidung, die an normativen Kriterien orientiert sind – auch werden z.B. normative getroffene Entscheidungen aus dem Blickwinkel des nutzenmaximierenden Kalküls interpretiert (Befolgung von Normen wenn / weil es nützlich ist). Die mechanistische Logik abstrahiert vom sozialen und biographischen Kontext. Die Entscheidung wird im RCA stets als Wahlproblem wahrgenommen, wobei diese sinnvoller als Reaktion auf ein Handlungsproblem gelten sollte.

5. Darstellung des Entscheidungsprozesses, als stehe die biographische Zeit still. Demgegenüber kann darauf hingewiesen werden, daß die Entscheidung als solche sowie auch die Kognition der Alternativen den Entscheider als solchen verändert, seine Präferenzstruktur verwandelt.

6. Die Betrachtung psychischer Einflüsse und nicht-rationaler Elemente als integrierbare Ausnahmeerscheinungen im RCA ist nicht haltbar, da der Anteil nichtrationaler Elemente mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad der Entscheidungen zunimmt. Erlangen Emotionen Relevanz, entstehen Dilemmata, kommt Zeitdruck auf etc., nimmt der Grad der mechanistischen Rationalität ab.

7. Handeln ist von prozesshafter Natur und keine Abfolge punktueller Einzelschritte. Variablen wie Erwartungen, Handlungsoptionen, Gewichtungen etc. fallen kognitiv zusammen, sind nicht distinkt.
Die Reduzierung von Vernünftigkeit auf ökonomisches Kalkül und das Erkennen von Kosten-Nutzen Kalkulationen in der Evaluation von Alternativen wird dem Entscheidungsbegriff nicht gerecht.

 

Entscheidung in Psychologie und Psychoanalyse

Biographische Entscheidungen: Treten Im Leben gravierende Störungen der alltäglichen Lebens- und Beziehungskonstellationen ein, stehen große Entscheidungen (big decisions) bevor, werden diese jedoch nicht nach Kosten-Nutzen Kalkulationen, sondern nach dem Schema der Reflexion bisheriger Selbstverständlichkeits-Gedanken getroffen. Im wesentlichen kann der Entscheider diese Problemkategorien aufgrund des immensen psychischen und sozialen Problemdruckes nicht „rational“ lösen. Allerdings werden getroffene Entscheidungen dieser Kategorie häufig nachträglich rationalisiert, indem nachvollziehbare und akzeptable Begründungen dafür entwickelt werden. Diese Rationalisierungen sind häufig Quelle von Selbsttäuschungen und Selbstmißverständnissen, da die eigentlichen Gründe für die Entscheidung eher dem Bereich des Unbewußten zuzuordnen sind.

Psychoanalyse: In der psychoanalytischen Therapie wird den Patienten häufig vorgeschlagen, wichtige Entscheidungen erst dann zu treffen, wenn die Therapie erfolgreich abgeschlossen ist, da die Patienten auf diese Weise eher die Impulse, die zur Entscheidung führen, verstehen. Eine zu schnelle Entscheidung behindert das Verstehen der Wurzeln des Problems. Wichtige Entscheidungen sollen gemäß der Psychoanalyse nicht durch Zweck-Mittel Kalkulation, sondern erst nach Abschluß einer Selbstreflexion über Motive, Impulse, Antriebe etc. getroffen werden. Dazu Freud (in einem Brief an Reik): „Wenn ich eine Entscheidung von geringerer Bedeutung traf, fand ich es immer vorteilhaft, alle Für und Wider reiflich zu überlegen. In lebenswichtigen Dingen dagegen, bei der Wahl eines Partners oder eines Berufes, sollte die Entscheidung aus dem Unbewußten kommen, von irgendwo her in uns selbst.“

 

Gesellschaftspolitische Implikationen des RCA:

Der normative Charakter dieser Rationalität war zunächst nur ein Charakteristikum der Ökonomik. Mit der Übernahme des ökonomischen Handlungsmodells durch Sozialwissenschaften nimmt auch dort die Normativität dieses Menschenbildes zu. Das Menschenbild des homo ökonomicus wird so nicht zu einem unter vielen anderen, sondern letztlich zum dominanten im erkenntnistheoretischen Diskurs. Auch in Psychologie, Soziologie und Politologie geht das Postulat der ökonomischen Rationalität immer mehr der empirischen Forschung voraus. Mit Montada kann angenommen werden, daß Eigeninteresse nicht nur eine akzeptable Begründung, sondern auch sozial erwünschte Begründung für Handeln ist. Gleichfalls geht mit der steigenden Bedeutung des rationalen Kalküls jene ethisch-kritischer Betrachtungen zurück.

Die immer weiter zunehmende Anwendung des RCA in der sozialwissenschaftlichen Forschung hat seine Ursache zum einen in der breiten Anwendbarkeit bzw. bestechend simplen und reduktionistischen Erklärung individueller / sozialer Phänomene. Allerdings kann die Popularität des RCA aus strukturalistisch-dialektischer Perspektive auch als Folge der gesellschaftlichen Verhaftetheit einer affirmativen Wissenschaft angesehen werden, die ihr Menschenbild den gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen angleicht und diese damit stabilisiert. So wirken die Herrschaftsverhältnisse (in Form des ökonomisch-materiellen Systems) auf die Wissenschaft als Gesellschaftssegment ein, die ihre Handlungslogiken übernimmt und damit wiederum zur Stärkung der Herrschaftsverhältnisse beiträgt. Der RCA denkt dabei in den Kategorien ökonomischer Tauschverhältnisse und spiegelt in seiner Kernlogik die Zweckrationalität des neoklassischen Wirtschaftssystems wieder.

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