Literarisches: Ausschnitt aus „Die Exhumierung der Magda Fietich“

Als Hobbyautor schreibe ich zurzeit und zwischendurch an einer kleinen Sammlung kurioser Kurzgeschichten. Hier der Anfang der ersten Geschichte…

Die Exhumierung der Magda Fietich

Ein grauer Novembervormittag. Nieselregen und fallendes Laub von den Buchen und Eichen, die den Friedhof säumten. Warum nur hatte man früher keine Nadelhölzer gepflanzt, als die höchstamt- und -priesterliche Entscheidung gefallen war, ausgerechnet dieses erwiesenermaßen sehr fruchtbare Stückchen Land zum Totenacker zu erklären? Ein kühler Wind blies feindselig um die Grabsteine, wirbelte die graugelben Blätter umher, wälzte sie um, drückte sie durch unbekannte Öffnungen hinein in die heilige Friedhofskapelle, vielleicht sogar hinein in die mit Särgen prall gefüllten Kühlkammern, in denen sich frisch gestorbene Leichname behutsam dem Verfall hingaben. Seit eh und je stirbt man im Herbst besonders fleißig.

Das Rauschen des Windes und das leise Gesirre des Nieselregens war alles, was ein menschliches Ohr zu hören vermochte, vielleicht noch das weit entfernte Gekreische heiserer Krähen, Aastauben, Geisterfinken, Sumpfgurken und anderer Totengreife. Es war kalt, kaum eine Handbreit über Null. Von der Sonne seit Tagen keine Spur, nur dicke, dunkle Wolken, Wind und bis ins Knochenmark kriechende Nässe. Zwischen den hinter Glaskolben tänzelnden Grablichtern klebte der ein oder andere Nebelfetzen. Ein Wetter zum Sterben, Totbleiben oder Bestorben werden.

Vom Friedhofstor nicht weit entfernt, den Hauptweg hinunter und dann gleich links hinein, hinten bei den zittrigen Fichten, bibberten die Antagonisten in ihren Mänteln mit den hochgestellten Krägen, die Filzhüte tief in ihre Stirne gezogen. Von Weitem gesehen, muteten sie kaum menschlich an, sahen aus wie schwankende Kegel oder konturenlose Spielfiguren, die unaufhörlich, aber langsam hin und her pendelten, bodenwärts ohne erkennbaren Übergang Eins mit dem Laub auf dem Kiesweg werdend. Neben den beiden hochgeschossenen Gestalten befand sich noch ein Häuflein kleinerer Menschenkegel und schließlich ein länglicher Kasten mit grobgestaltigen Armaturen plus einiger ausladender Greifarme und zangenförmiger Gebilde zu beiden Seiten. Daneben lagen Säcke und einige Schaufeln sowie eine rostende Grabgabel. Auch ein Kanister und eine messingbeschlagene Kiste aus Zedernholz oder Wildkirsche. Ein Sarg.

Der Totengräber blickte seinem Gegenüber tief in die Augen, oder jedenfalls in jene eingefallenen Gesichtshöhlen, in denen sich gemeinhin Augen vermuten ließen. Sein Filzhut hatte sich voll mit Wasser gesogen, das ihm über Stirn und Nase an die Oberlippe rann und das er mit langer Zunge von Zeit zu Zeit in den Mund zog. Trotz seines Mantels fror er bitterlich, was er unter Aufbietung aller erdenklichen Mühe und Disziplin vor seinem Gegenüber zu verbergen versuchte. Denn sein Gegenüber war sein Antagonist. Es war der Totenheber.

Der Totenheber war von großer, schlanker Gestalt, blasshäutig aufgedunsen und bestimmt einen Kopf größer als der Totengräber, dessen erbärmliches Frieren ihm nicht verborgen blieb, so sehr schlotterten seine Glieder unter dem Lodenmantel. Auch dem Totenheber war kalt, auch der Totenheber fror, auch der Totenheber bibberte bitterlich, doch er wußte seinen feingliedrigen Körper zu beherrschen, denn er musste Herr des Geschehens bleiben, es war sein Tag, seine Stunde, sein Moment, an dem er sein schauriges Werk zu vollbringen hatte.

Der Totenheber hielt seinen Kopf leicht geneigt um nach unten zum Totengräber und den Beihilfen zu sehen, die eigens gekommen waren, der grauenhaften Tätigkeit beizuwohnen, die nur Männer von seinem Schlage auszuführen in der Lage waren und für die es Jahre der Vorbereitung, der Ausbildung, der asketischen Kontemplation und der selbstkasteienden Übung bedurfte. Zuweilen ging das Gerücht um, dass, um Totenheber zu werden, der Anwärter seine Seele verpfänden oder gar im strengen Zölibat als ein Bruder des Auferstandenen leben müsse, zumindest aber vom höchsten Klerus auserwählt und mit dem Blute Christi gesalbt zu sein habe, bevor er das so schreckliche wie ungemein wichtige Amt auf Lebenszeit annehmen dürfe.

Der Totenheber also blickte nach unten zum Totengräber, zog eine Hand aus der Manteltasche und machte eine sanfte Geste, indem er seine himmelwärts geöffnete rechte Hand nach vorn ausgestreckt, langsam einen sanften Bogen beschreibend, von rechts nach links schwenkte. Es war die Geste, die den Beginn seiner Arbeit anzeigte. Die Anwesenden erschauderten. Ein leises Raunen kroch durch die Menschenkegel. Der Totenheber richtete sich auf und ging ans Werk.

Ein halbes Jahr zuvor war des Totengräbers große Stunde angebrochen. Es war im beginnenden Sommer, zu einer Zeit, als der Baldrian an den Flußauen nach und nach zu blühen begann und seinen betörenden Geruch bis an den Rand der Stadt schickte. Dort hatte der Totengräber seine kleine Werkstatt, am Ende eines ungepflasterten Weges inmitten bröckelnder Wohnhäuser, in denen vornehmlich jene Menschen zu leben pflegten, die in nicht allzuferner Zukunft auf die kalten Präparationstische des Totengräbers gelegt werden würden – zur Salbung, Einbalsamierung oder Ausweidung, zur letzten Waschung, Hautstraffung oder Wiederherstellung eines menschlichen Antlitzes. Je näher sie an der Werkstatt wohnten, desto weniger Zeit blieb ihnen, und desto leichter hatte es der Totengräber. Das war allgemein bekannt.

Die Werkstatt des Totengräbers war sehr klein, nur zwei hölzerne Präparationstische drängten sich zwischen Regalen und Truhen, in denen sich das dringend benötigte Arbeitsmaterial stapelte: Mullbinden, Skalpelle, Scheren, Nasenhaken, Pechfässer, Nadeln, Füllmasse, Gasblasen, Klistiere, sowie allerlei Salben, Tinkturen und Kristalle, eine unüberschaubare Flut an Gegenständen, denen in ihrer Verschiedenheit nur die düstere Tatsache gemeinsam war, mit Leichen in Berührung gekommen oder gar in Leichen eingedrungen zu sein. Durch eine trübe Fensterscheibe fiel an guten Tagen ein wenig Sonnenlicht, ansonsten bediente sich das sparsame Männlein zur Beleuchtung seines Arbeitsbereiches rußender Pechkerzen, deren Flammen Schatten im eigenen Licht warfen.

In jenem Juni also stand der Totengräber schweigend vor seinem Präparationstisch und blickte lange auf den nackten, wachsfarbenen Körper, der vor ihm lag. Es war der Leichnam einer älteren Frau mit fleckiger, rissiger, warziger Haut, teigigem Gesicht und winzigen Brüsten, die in keinem erwartbaren Verhältnis zur ausladenden Breitbäuchigkeit oberhalb ihrer vernarbten Scham zu stehen schienen. Um den süßlich-bitteren Verwesungsgeruch zu vertreiben, legte der Totengräber eine Handvoll Weihrauchknollen auf glühende Kohlenscheiben in seinem Stövchen. Ein Lächeln huschte über seine Gesichtsfalten, während sich der duftende Rauch immer dichter in der Werkstatt ausbreitete und den Leichnam von Magda Fietich in undurchdringliche Wolken hüllte. Eine ganze Nacht lang arbeitete der Totengräber in der Düsternis seiner Werkstatt, oft schwebend zwischen Traum und Wachheit, blind jenen Eingebungen folgend, die seine hohe Handwerkskunst in den Stand der höchsten Erhabenheit versetzten.

(…)

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